Abstieg und Aufstieg

Bild und Vorbild der Auferstehung Christi
auf der Kanzel der Aschaffenburger Stiftskirche



"Hinabgestiegen in das Reich des Todes - am dritten Tage auferstanden von den Toten" so bekennen wir im apostolischen Glaubensbekenntnis. Beide Aussagen, der Abstieg Jesu in die Unterwelt und sein Aufstieg zum Paradies wurden in der Kunst dargestellt. Dabei ist das Bild vom Abstieg, die sogenannte "Höllenfahrt Christi", das ältere. Es entstand wohl lange vor dem Jahr 700 im syro-palästinischen Raum. Auch im Westen wurde es im Mittelalter häufig kopiert. Anders als im Osten, wo dieses Motiv das klassische Osterbild blieb, wurde es in unseren Breiten ab dem 17. Jahrhundert immer seltener. Es wurde verdrängt durch die Darstellung der Auferstehung Christi aus dem Grab. Dieser Typus entstand etwa im 8. Jahrhundert, wurde aber erst im 14. Jahrhundert wirklich bedeutsam. Auf der Kanzel der Aschaffenburger Stiftskirche stehen beide Bilder einträchtig nebeneinander und illustrieren so die beiden österlichen Aussagen des Glaubensbekenntnisses. Darüber hinaus werden sie nach Art einer Typologie ihrerseits illustriert durch Szenen aus dem Alten Testament. Dabei ist interessant, was die Planer des Bildprogramms jeweils als Entsprechung zwischen dem alttestamentlichen Vorbild und dem unüberbietbaren Christusereignis gesehen haben.

Hinabgestiegen

Das Bild vom Abstieg in die Unterwelt zeigt Jesus mit Sternennimbus vor den Toren der Hölle. Aus dem großen Portal schlagen Flammen empor. Teuflische Wächter blasen Alarm und versuchen ihr Territorium mit Speeren zu verteidigen. Jesus ergreift die Hände der Seelen, die auf ihre Rettung warten und zieht sie zu sich empor. Hinter ihm stehen als erste der Geretteten Adam und Eva, die Stammeltern der Menschheit. Ungewöhnlich ist, daß Adam einen Kreuzesstamm umfaßt: Vielleicht ein Verweis auf den Baum des Paradieses, dessen Frucht (in seiner Rechten) ihm einst die Vertreibung brachte und der ihm als Kreuzesbaum Christi Erlösung brachte. Das Gewand Jesu und die flatternde Kreuzesfahne unterstreichen noch die Dynamik des Geschehens. Zu seinen Füßen liegt ein Türflügel der Unterweltspforte. In der Szene, die ausführlich im Nikodemus-Evangelium beschrieben wird, klingen Verse aus dem 107. Psalm an: "Die saßen in Dunkel und Finsternis, gefangen in Elend und Eisen, die er herausführte und deren Fesseln er zerbrach: sie alle sollen dem Herrn danken, weil er die ehernen Tore zerbrochen, die eisernen Riegel zerschlagen hat."

Diesen Gedanken greift auch das nebenstehende Relief mit alttestamentlicher Thematik auf. Es zeigt Simson mit den Stadttoren von Gaza. Nach der im Richterbuch überlieferten Geschichte war Simson ein israelitischer Held, der die Philister bekämpfte. Seinen Feinden war Simson körperlich überlegen, trotz allerlei listiger Versuche konnten sie seiner nicht habhaft werden. Dreist begab sich Simson gar nach Gaza, in die Hauptstadt der Philister und suchte dort ein Bordell auf. Nun glaubten ihn die Philister erledigt. Sie schlossen das Stadttor und lauerten ihm dort auf. Doch der so eingekesselte Held hob die Türflügel aus den Angeln und trug sie mitsamt den Pfosten und Riegeln ins Gebirge. Auf dem Relief sieht man im Vordergrund Simson mit den Türflügeln. Seine übergroßen Hände weisen auf seine unglaublichen Kräfte hin. Im Hintergrund sind zwei Szenen zu erkennen. Links die Silhouette von Gaza mit dem offenen Stadttor, rechts Simson, der die Tore auf dem Berg abstellt.
Die Gegenüberstellung beider Bilder sagt aus, daß vor dem Siegeszug Jesu die Hölle nicht widerstehen kann. Ihre letzte Bastion ist genommen: Der Tod hat keine Macht mehr über die Menschen. Christus hat die Tore zerbrochen und die Riegel zerschlagen.

Auferstanden

Das zweite Osterbild zeigt die Auferstehung in der uns vertrauten Form. Jesus steht als der "Held aus Juda" über seinem verschlossenen Grab und steigt auf Wolken und von Engeln getragen empor. Er hält einen Kreuzstab mit Fahne in der Linken und hat die Rechte wie zu Sieg und Segen erhoben. Der mandelförmige Schwung seines Mantels erinnert bereits ein wenig an die Darstellungen des Weltenrichters in der Mandorla. Die Soldaten, die seinen Leib bewachten, liegen wie vom Blitz getroffen auf dem Boden. Mit ihren Schilden versuchen sie sich gegen die Erscheinung zu schützen. Links am Bildrand sind - durch das verklärende Gold hervorgehoben - die Kreuze von Golgota zu erkennen.

Neben dieser Szene ist an der Aschaffenburger Kanzel das Vorbild dieses Bildes angebracht - seit den Zeiten der Katakombenmalerei ein Typus der Auferstehung. Es zeigt den Propheten Jona, der nach drei Tagen im Bauch des Fisches an Land gespien wurde. Dem Auftrag Gottes an ihn, in Ninive ein Strafgericht anzukündigen, versuchte er sich durch eine Schiffsreise in die entgegengesetzte Richtung zu entziehen. Als sich bei einem Sturm herausstellte, daß er vor seinem Gott auf der Flucht war, warfen ihn die Reisegenossen über Bord. (Diese Szene ist rechts oben dargestellt.) Doch Gott will nicht den Untergang des Sünders, sondern seine Umkehr und so schickt er den Fisch, der Jona rettet. Die drei Tage des Propheten im Bauch des Fisches sah schon die frühe Kirche als Typus der drei Tage der Grabesruhe Jesu. Beidemale geschieht Verwandlung: Jona kehrt um zum Herrn und verändert sein Leben. Jesus erwacht durch den Tod hindurch zu neuem Leben.

Die wahre Liturgie

Die Zusammenstellung der Bilder zeigt das Verständnis von der Einheit der Schrift. Altes und Neues Testament lassen sich nach christlichem Verständnis nicht auseinanderdividieren. Die Kirche liest Prophetie stets im Blick auf Christus. Daß östlicher und westlicher Bildtypus der Auferstehung hier nebeneinander stehen, ist auch ein schönes ökumenisches Zeichen der Zusammengehörigkeit der Ost- und Westkirche. Und schließlich machen Abstieg und Aufstieg Jesu auch den Inhalt jeden liturgischen Tuns deutlich: Auf die Gnade, die uns von Gott herabkommt, erheben wir unsere Herzen zu Lob und Dank.
Daß ausgerechnet eine Kanzel als Ort der Predigt mit vier Bildern des Ostergeheimnisses geschmückt ist, verweist auf die Mitte christlicher Verkündigung, wie sie Paulus beschreibt: "Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos." (1 Kor 15,12)
Michael Pfeifer


erschien in: Würzburger katholisches Sonntagsblatt 150 (2003) Nr.16, S.28-29
Manuskript und Fotos © Michael Pfeifer
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