Michael Pfeifer

Tonträger-Rezensionen

zu Orgelmusik | Geistlicher Musik | Ostkirchlicher Musik

Orgelmusik

Maronitische Improvisationen

Maronitische Weihnachtsgesänge. Chor der Kirche "Notre Dame du Liban" Paris, Leitung P. Wadih Al Skayem, Orgelimprovisationen Naji Hakim an der Orgel von "La Trinité" Paris. IFO-Records, Postfach 43 12 63, 55076 Mainz.

Maronitische Weihnachtsgesänge mit Orgelimprovisationen zu kontrastieren, ist sicher ein gewagtes Unternehmen. Der Organist der Pariser Pfarrkirche Ste. Trinité, Naji Hakim wurde 1955 in Beirut geboren und ist Nachfolger des berühmten Komponisten Olivier Messiaen an der 1868 von Aristide Cavaille-Coll vollendeten Hauptorgel. In seiner Person verbinden sich orientalische und europäische Tradition aufs Überzeugendste.
Der Chor der Kirche Notre Dame du Liban singt unter Leitung von P. Wadih Al Skayem die alten, großenteils mündlich überlieferten liturgischen Gesänge, deren Tonsystem sich nicht auf arabische oder gar auf byzantinische oder gregorianische Systeme zurückführen läßt. Die Tonskalen sind nicht gleichschwebend und wirken daher für europäische Ohren recht "orientalisch". Faßbar werden sie durch die syllabische Struktur – ein Hinweis darauf, daß die ganze Gottesdienstversammlung gemeinsam singt und nicht nur ein professioneller Chor – die strophische Anordnung und den relativ geringen Tonumfang von maximal einer Quinte, oft aber nur einer Terz. Die monodischen Gesänge zeichnet allerdings eine ungeheure rhythmische Vielfalt aus.
Der Interpretation des Gesanges folgt auf der CD sodann unmittelbar – allerdings mit spürbarer Raumdifferenz (größerer Nachhall) – die Improvisation Hakims, bei der sich die ganze Meisterschaft des Organisten zeigt. Er verarbeitet nicht nur das musikalische Material, hörbar wird auch sein Eindringen in den Text der syrischen Poesie und ihren liturgischen Ort. Er entlockt der großen Orgel stürmische Toccaten und zauberhafte Cantilenen, geht auf die freie Rhythmik der Vorlagen ein und zeichnet ihre für eine Orgel natürlich sperrige Harmonik nach. Es entsteht ein Klanggemälde von suggestiver Kraft, das Freunde französischer Orgelromantik und orientalischer Musik gleichermaßen überzeugen dürfte.

4 Hände und 4 Füße

Neue Musik für Orgelduo im Münster zu Ingolstadt. Elisabeth Sperer und Winfried Englhardt. Motette CD 12071.

Beim Publikum von Orgelkonzerten mag sich zuweilen die ungläubige Frage einstellen, wie denn ein Mensch allein so viel "Krach" machen könne. Daß man auch an der Orgel noch dazu vierhändig (und vierfüßig) musizieren kann, muß für solchermaßen Trompeteria-geschädigte Zeitgenossen wie ein Alptraum wirken. Kompositionen aus Renaissance, Barock, Klassik, Romantik und Moderne beweisen jedoch, daß sich immer wieder Liebhaber für diese Möglichkeit fanden, das vielfältige Klangangebot einer Orgel besser auszuschöpfen, als dies einem einzelnen Spieler möglich wäre. Elisabeth Sperer und Winfried Englhardt konzertieren seit vielen Jahren zusammen am Spieltisch einer Orgel und waren damit eines der ersten "Orgelduos" unserer Tage. Neben der Pflege des – zugegebenermaßen recht bescheidenen Repertoirs – wurden durch ihre Arbeit auch Komponisten unserer Tage angeregt, Musik für diese Besetzung zu schreiben. Sperer und Englhardt stellen diese Werke nun an der großen Klais-Orgel des Münsters zu Ingolstadt vor.
Am Beginn steht ein choralgebundenes Werk von Harald Genzmer (*1909), des wohl bekanntesten der auf der CD versammelten Komponisten. Nach der Komposition Sterbender Tag in Mähren von Andreas Willscher (*1955) erklingt die bemerkenswerte Komposition Confutatis von Roland Leistner-Mayer (*1945). Das auf Versen des Requiem basierende Werk ist von symphonischer Dramatik und Dynamik. Die virtuosen Partien gipfeln in einem unisono geführten Doppelpedalsolo, das sich in Rhythmik und Tempo steigert. Nach drei freitonalen, inhaltlich zusammengehörenden Skizzen Winfried Englhardts selbst, erklingt eine Komposition von Franz Xaver Lehner (1904–1986). Die atonale "Fantasie und Fuge", als die man sie bezeichnen könnte, strahlt vor allem in ihrem fugierten Teil in hohem Maße Spielfreude aus. Das abschließende Abendrot von Robert Delanoff (*1942) schichtet ganz gemäß seiner programmatischen Absicht Klangfarben gegeneinander und nimmt mit ostinaten, an Minimal-Music gemahnende Rhythmen gefangen.
Sperer und Engelhardt haben die durch ihre interpretatorische Arbeit angeregten Werke souverän in ihr Repertoire integriert. Zusammen mit den klassischen oder klassisch gewordenen Stücken von Merkel oder Langlais stellen sie eine echte Bereicherung von Orgelkonzerten für vier Hände und vier Füße dar.

Jean Françaix

Jean Françaix: Das Orgelwerk. Fermate Musikproduktion Detmold FER 20018.

Jean-René Françaix gehörte zu den wenigen Komponisten, die sich in ihrer musikalischen Sprache zur Tonalität bekennen. Der im September 1997 85jährig Verstorbene sah die auf der Tradition fußenden Form- und Ausdrucksmöglichkeiten noch lange nicht erschöpft. Sein humorvolles und charmantes, dennoch ernsthaftes musikalisches Schaffen ist sehr vielfältig. Dabei ist eine Bevorzugung einer bestimmten Gattung nicht auszumachen. Allgemein bilden Orgelwerke bei Komponisten, die selbst nicht auch Organisten sind, eher die Ausnahme. So blieben es auch bei Françaix wenige, und diese entstammen zuweilen Filmmusiken oder Orchesterwerken.
So ist seine Suite carmelite aus dem Jahre 1960 durch den Film "Le dialogue des Carmelites" bekannt geworden. Die sechs Miniaturen sind als Portraits der Nonnen zu verstehen: die Vorstellungskraft treibt – zumal beim letzten Satz "Mère Marie de Saint-Augustin" – sicher ansehliche Blüten. Bei der Suite Profane aus dem Jahre 1984 handelt es sich um ein eigenständiges Orchesterwerk, das der Komponist für die Orgel eingerichtet hat. Die Messe de Mariage (1986) entstand für eine Hochzeitsfeierlichkeit in der Pariser Kirche St. Sulpice. Die Apokalypse nach Johannes (1939) ist eine Übertragung des Interpreten Jürgen Essl. Die Originalpartitur schreibt neben Chor und Solisten auch ein Himmels- und ein Höllenorchester vor. Beim abschließenden kurzen Marche Solennelle aus dem Jahr 1956 handelt es sich wieder um Filmmusik: er begleitete Napoleons filmischen Einzug zu seiner Kaiserkrönung.
Die Aufnahme, interpretatorisch und aufnehmetechnisch einwandfrei, schließt eine Lücke im Orgelrepertoire. Sie macht Lust auf die weitere Musik eines einfallsreichen und ein wenig a-typischen Komponisten.

Jean-Jacques Grunenwald

Hommage à Jean-Jacques Grunenwald. Grand Orgue Cavaillé-Coll de l'Abbatiale Saint Ouen des Rouen. Elmar Jahn. ERJ 01. Edition R & J, Robert-Stolz-Str. 25, 85591 Vaterstetten.

Der Titel der vorliegenden Aufnahme "Hommage à Jean-Jacques Grunenwald" wird zunächst nur diejenigen interessieren können, denen die neuere französische Orgelmusik vertraut ist. Grunenwald, 1911 geboren, war Orgelschüler von Marcel Dupré und von 1933 bis 1945 sein Vertreter an der Orgel von St. Sulpice in Paris, wo er ihm auch 1971 als Titulaire nachfolgte. Die dortige riesige Cavaillé-Coll-Orgel prägte sein späteres kompositorisches Schaffen nachhaltig. Zu Unrecht ist es hierzulande wenig bekannt.
Kennzeichnend für Grunenwalds Kompositionsstil sind die majestätisch-langsamen Sätze und die schrittweise, oft überraschende, harmonische Fortentwicklung. Dazu kommen Melodien, die weitausgreifende Intervalle zu epischen Phrasen zusammenfassen. Entsprechend französischer Tradition sind die Themen oft von gregorianischen Melodien inspiriert. Auch schnellere Passagen leben nie von Motorik und Virtuosität; immer wieder finden sich Momente, die die Bewegung unterbrechen, den Klang sich aufbäumen lassen und weitere Steigerung ermöglichen.
Hierfür ist die Orgel der Abteikirche in Rouen, auch ein Werk Aristide Cavaillé-Colls, ein ideales Instrument, wenngleich man von einer Einspielung in St. Sulpice noch mehr Bezug zum Komponisten hätte erwarten dürfen.
Zwar enthält das Beiheft keinerlei Information über die Werke Grunenwalds, dennoch ist die Einspielung seines Schülers Elmar Jahn dazu geeignet, der Rezeption der Musik seines Lehrers den Weg zu bereiten.

Seltener Dupré

Marcel Dupré: Evocation, Fifteen Pieces, Suite Bretonne. Johannes von Erdmann an der Orgel der Pfarrkirche St. Martin zu Lorch am Rhein. Opus 7057-2. Melisma Musikverlag Wiesbaden.

Die 1984 erbaute, 41-registrige Orgel der Martinskirche in Lorch setzt einen romantisch-süddeutschen Akzent in der reichen mittelrheinischen Orgellandschaft. Knapp die Hälfte der Register wurden aus der 1880 erbauten Vorgängerorgel übernommen. Es macht einen besonderen Reiz aus, auf solch einem Instrument selten gespielte Orgelwerke Marcel Duprés zu hören.
Dupré galt zeit seines Lebens als großartiger Improvisator, der das Publikum durch die vollendete Durchbildung der musikalischen Form in Bann zog. Fernab von akademischem Konstruieren allerdings macht die sukzessive Veränderung der Klangfarben in Einklang mit kühner harmonischer Fortschreitung die Besonderheit seiner Musik aus. Die Farbigkeit ist bei ihm oft auf bestimmte Instrumente abgestimmt. So beziehen sich die Registrieranweisungen der einleitenden Evocation op.37 auf die Cavaille-Coll-Orgel in der Abteikirche Rouen, zu deren Wiedereinweihung 1941 Dupré dieses Werk komponiert und auch uraufgeführt hat. Die dreisätzige Suite Bretonne op.21 ist eine Programmusik, die sich der im Titel aufscheinenden nordfranzösischen Landschaft mit folkloristischen Themen zu nähern sucht. Wirkliche Kleinodien des Orgelschaffens Duprés aber sind die Fifteen Pieces op.18, die aus liturgischen Improvisation in der Pariser Kathedrale Notre Dame entstanden. Das später aufnotierte Werk wurde am 10. 12. 1920 in London uraufgeführt. Jedes der kurzen Stücke trägt ein verbales Motto, das zusätzlich zum Text der liturgischen Melodievorlage die musikalischen Stimmungsbilder faßlich macht. Dieses interessante Stück kirchlicher Programmusik zeigt den "phänomenalen, impressionistisch beeinflußten Klangsinn" des Komponisten, wie Hanno Ehrler im zweisprachigen (dt./frz.) Beiheft formuliert.
Die Aufnahmetechnik zeichnet das Klangbild klar, doch schafft sie nicht für alle Situationen einen optimalen Ausgleich zwischen Instrument und Raum. Auch meint man der Orgel einzelne Schwächen in Ansprache und Stimmung anzuhören. Erdmanns durchsichtige Phrasierung und die ruhigen Tempi ermöglichen eine gute Durchhörbarkeit auch der Toccaten. Lob verdient allem voran das seltene Repertoire. Hierzu sind Künstler und Verlag besonders zu beglückwünschen.

Görlitzer Orgel

Die große Orgel der Stadthalle Görlitz. Reinhard Seeliger. OV-75022 Vleugels Tonträger 74736 Hardheim.

Im Jahre 1910 wurde in Görlitz die große Stadthalle fertiggestellt, die 700 Musikern und 1700 Gästen Platz bietet. In reinem Jugendstil entworfen, war von Anfang an eine Orgel als Prinzipalstück des Raumes geplant gewesen. Beauftragt wurde der damals berühmteste deutsche Orgelbauer Wilhelm Sauer aus Frankfurt/Oder. Mit der Görlitzer Stadthallenorgel vollendete Sauer, der sein Handwerk unter anderem beim französischen Meister Cavaille-Coll erlernt hatte sein letztes Werk als opus 1100. Es ist dies die einzige von ihm erhaltene Konzertorgel.
Nach Jahren der Unspielbarkeit wurde das Instrument kürzlich von der Firma Vluegels renoviert. Nun erklingen die 72 Register, verteilt auf 4 Manuale und Pedal, wieder in alter Großartigkeit.
Auf dem Programm dieses Orgelportraits stehen zwei große Konzertstücke von Franck (Grande Piece Symphonique) und Rheinberger (3. Sonate). Zwei Choralfantasien von Max Reger ("Halleluja Gott zu loben" und "straf mich nicht in deinem Zorn") erklingen zu Beginn. Auch wenn als Grundlage dieser Kompositionen Choräle der protestantischen Tradition dienen, handelt es sich bei diesem Regerschen Genre mehr um konzertante als um liturgische Musik. Jedenfalls sind sie bestens geeignet, den Farbenreichtum der Görlitzer Orgel vorzuführen. Zudem wurden Regers Orgelwerke bekanntermaßen von Karl Straube an seiner Sauer-Orgel probiert und aufgeführt.
Die Interpretation durch den 1959 in Halle/Salle geborenen Reinhard Seeliger gibt kaum zu kritischen Bemerkungen anlaß. Vielleicht wünscht sich mancher die Rheinberger-Fuge mit etwas weniger barockem Non-legato, zumal die Orgel - auch Dank der vorzüglichen Aufnahmetechnik - auch in grundtönigen Passagen nicht dick wirkt. Doch kommt die ganze Rheinberger Sonate dadurch recht prägnant und akzentuiert.
Was die Dokumentation anbetrifft, ist ausgerechnet der Beitrag über die Orgel der sprachlich schwächste. Die ausführliche Disposition vermag das nur schwer auszugleichen. Aufs Ganze gesehen aber die Präsentation einer gelungenen Restaurierung einer bedeutenden Orgel.

Orgelsymphonik

Louis Vierne: Symphonies pour Orgue Nos. 1 & 2. Yves Castagnet, Grand Orgue Cavaill‚-Coll de l'Abbatiale Saint-Ouen de Rouen. Sony SK 64084. 1994.

Louis Vierne (1870-1937) ist sicher der brillianteste Vertreter der französischen Organistengeneration, die die Orgel dem romantischen Musikempfinden zugänglich gemacht haben. Erreicht wurde das nicht zuletzt aber auch durch den genialen Orgelbauer Aristide Cavaill‚-Coll, dessen Konzept der Hinzufügung von Registergruppen durch Fußtritte relativ leicht dynamische Abstufungen ermöglichte. Die Große Orgel der Abteikirche in Rouen ist sein letztes Meisterwerk. Sie wurde am 17.April 1890 von Charles-Marie Widor eingeweiht, der über der Erbauer äußerte, es gebe in Europa nur einen einzigen Orgelbauer, der ein großer Künstler sei.
An den Stil Widors als des "Erfinders" der Gattung der Orgelsymphonie erinnert Viernes erste Symphonie noch stark. Doch ist das fünfsätzige Schema mit dem zentralen Scherzo in seinen sechs Symphonien enthalten. Vierne wagte es in der Tat als erster, die typisch orchestrale Form des Scherzo auf die Orgel zu übertragen und sie auch mit der Spritzigkeit, ja Ironie umzusetzen. Bis ins Expressive gesteigert leben Viernes Scherzi von scharfer Rhythmik, konsequentem Staccato und hohen Registern. In den abschließenden Symphoniesätzen – der der ersten gemahnt wiederum an die berühmte Toccata aus der fünften Widorsymphonie, ist aber deutlich komplexer – führt der Organist sich selbst und seine Orgel vor. Beide sind konstitutiv für die Qualität dieser Einspielung: die Großartigkeit des Instruments mit seinem monumentalen Pedal und den strahlenden Chamaden, die technische Überlegenheit und hervorragende Gestaltungskraft des jungen Organisten Yves Castagnet.
Geteilter Meinung kann man über den enormen Raumklang sein, den die Tonmeister (hier wie bei allen Aufnahmen der Reihe "Organa Viventia") eingefangen haben: Was an Gravität gewonnen wird, wird an Kontur vertan.
Ein instruktives Beiheft mit vollständiger Disposition rundet die Edition ab, der Fortsetzungen im Bereich der französischen Romantik zu wünschen sind.

Bach und kein Ende?

Bach: Organ Works, Vol. 1. Ton Koopman. Teldec 4509-94458-2. 1995.

Mit dieser CD beginnt der niederländische Organist Ton Koopman (Jahrgang 1944) eine Einspielung seiner Interpretation der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach. Doch diese Interpretation ist eigenwillig. Puristen verwirren die reichen Verzierungen, Romantiker entsetzen die zügigen Tempi, Straube-Schüler erschreckt das durchgängige Non-Legato und die seltenen Registerwechsel. Auch Phrasierung und Artikulation, Agogik und häufigerses Rubato sind gewöhnungsbedürftig.
Fantasie und Fuge in g (542), die beiden gewichtigen Stücke, die Bach selber schon vor seinem Tod kombiniert hat, eröffnen das Programm. Die große Fuge g (578) verarbeitet eines der ausführlichsten Themen, die Bach überhaupt benutzt hat. Canzona d (588) dokumentiert die Beschäftigung des Thomaskantors mit italienischer Musik. Aus seiner Leipziger Zeit stammt das große Präludium und Fuge h (544), Präludium und Fuge a (543) wohl der Weimarerer Periode. Norddeutschen Stil atmet Präludium und Fuge C (531). Die Fantasieen in c (562) und C (570) rahmen die französischer Tradition entsprechene Fantasie G (572). Den Abschluß des Programms bildet die Passacaglia.
Mit großem musikalischen Sachverstand und noch größerer Spielfreude macht sich Koopman an die Musik Bachs heran und nimmt in seinem schon apologetisch zu nennenden Beitrag die Einwände in puncto authentischer Interpretation vorweg. Nicht wie Bach gespielt hat, – wer weiß es? – sondern wie Bach heute dargestellt werden kann, spielt ihn Koopman. So nämlich kann die klassische Orgelmusik auch klingen: brillant, mitreißend, durchsichtig, ebenso verständlich wie schön, perlig, , überlegt, farbig, eindrucksvoll – schlüssig eben und genial.
Auch hat der Interpret sich ein hervorragendes Instrument ausgesucht: Die Orgel der Grote Kerk zu Maasluis (1729-32 erbaut) ist ein imposantes Zeugnis der norddeutsch/ niederländischen Orgelbautradition. Die ausführliche Disposition findet der Interessierte im instruktiven Beiheft. Die Bach-Einspielung von Ton Koopman verspricht, nicht irgendeine zu werden. Sie stellt zur Diskussion, regt zum Überdenken von Spiel- und Hörgewohnheiten an und ist zu allem Überfluß wirklicher Musikgenuß. Für Aufgeschlossene hat sie echte Offenbarungsqualität. Man darf auf die weiteren Aufnahmen gespannt sein.

Bach neu hören

Best's Bach. Selected Organ Works and Chaconne for Solo Violin arranged by William Thomas Best. Carsten Wiebusch Klais-Orgel Christuskirche Karlsruhe. audite 92.663 (SACD).

In Zeiten zwanghaft historisierender Aufführungspraxis lässt die vorliegende Aufnahme einen Blick in die Interpretationsgeschichte Bachscher Orgelwerke zu. Während die Editionen Straubes und Duprés hierzulande zwar bekannt sind, kaum ein Organist es allerdings wagt, eine ihnen folgende Interpretation vorzulegen - es sei überholt, hört man - ist die Bach-Ausgabe Bests kaum bekannt. (Wie überhaupt die englische Kirchenmusiktradition erst langsam entdeckt wird.)
William Thomas Best (1826-1897) brachte ab 1885 Bachs Orgelwerke in einer für damalige Verhältnisse kritischen Ausgabe heraus, versah sie mit Interpretations- und Registrierungshinweisen, die die Möglichkeiten der orchestralen Orgel ausnutzten.
In der Aufnahme Carsten Wiebuschs entstehen so ganz neue Höreindrücke hinlänglich bekannt geglaubter Kompositionen. Reiche Dynamik und filigrane Durchsichtigkeit gliedern die Werke und lassen Stimmen wie Abschnitte hervortreten und verschwinden. Eine analytische, dabei aber unmittelbar zugängliche und höchst musikalische Art, auf der die Bachschen Orgelwerke nun daherkommen.
Die Klais-Orgel, 1966 erbaut und 2010 grundlegend erweitert sowie die hervorragende Aufnahmetechnik tut ein Übriges für den höchst positiven Gesamteindruck. Best's Bach ist seit langem der beste Bach, der zu hören war.


Geistliche Musik

Europas Sakralmusik

World Festival of Sacred Music Europe. Doppel-CD 00692, CCn'C Records (In der Habbecke 18, 59889 Eslohe).

Musik – gerade religiöse, geistliche Musik – ist vielleicht der tiefste und ergreifendste Seelenausdruck des Menschen, gleich in welcher Kultur er lebt oder welcher Religion er angehört. Im Bewußtsein, daß es keinen wirklichen Frieden unter Menschen und Staaten geben kann ohne Verständigung zwischen den Religionen, hat der Dalai Lama mit Blick auf die bevorstehende Jahrtausendwende zu einem Weltfest sakraler Musik eingeladen. [Die Initative wird zudem unterstützt von namhaften politschen und geistlichen Führern, darunter Präsident Vaclav Havel, Erzbischof Desmond Tutu, Pandit Ravi Shankar, Yehudi Menuhin oder Danielle Mitterand. Das Festival startet im Oktober 1999 in Los Angeles und endet im nächsten Jahr in Bangalore mit einem großen Finale.]
Die in diesem Zusammenhang erschienene Doppel-CD setzt das Anliegen des Dalai Lama exemplarisch für Europa um, indem es Musik vieler Völker und Zeiten vereint: Die Gesänge kommen aus Rußland, dem Baltikum, Andalusien, Sardinien, Bulgarien oder Ungarn, aus der Folklore wie der Liturgie, aus jüdischen, byzantinischen, islamischen oder mittelalterlich-lateinischen Quellen. Fünf zeitgenössische Kompositionen verdeutlichen schließlich, daß auch heute noch sakrale Musik von hohem Rang und dichter Spiritualität entsteht. Die Ensembles dieser Einspielung bemühen sich zumeist um die Wiederentdeckung klassischer oder archaischer Gesangstechniken und musizieren durchweg auf höchstem künstlerischen Niveau. Es entsteht ein faszinierendes Hörerlebnis, eine wirkliche Horizonterweiterung. Auch wenn das Beiheft nicht alle Fragen (manche gar unkorrekt) beantwortet, ist diese CD unbedingt eine Empfehlung wert. Die religiösen Traditionen Europas sind hier – fernab allgegenwärtiger Weltmusik-Sampler – in seltener Eindrichglichkeit und wirklicher Authentizität präsentiert.

Salve Regina

Salve Regina. Musique sacrée des XIXe et Xxe siècles. Les Petits Chanteurs de Saint-Marc, Nicolas Porte. Editions Jade 74321-47616-2 (Vertrieb: BMG)

Die Rückbesinnung auf alte französische Chorkultur einer christlich-musikalischen Erziehung hat sich der Lyoner Kinderchor "Les Petits Chanteurs de Saint-Marc" zur Aufgabe gemacht. Die 65 Jungen und Mädchen haben sich im Laufe der Jahre einen festen Platz unter den französischen Kinderchören erarbeitet. Nicht von ungefähr sind sie Widmungsträger dreier der aufgenommenen Kompositionen: des titelgebenden Salve Regina von David Falconer und zweier Motetten von Petr Eben. Überhaupt finden sich auf der Einspielung hierzulande selten gehörte Stücke: Werke von Pablo Casals, Gabriel Fauré, Maurice Duruflé, Zoltan Kodaly oder Georges Bizet erklingen ebenso wie Schuberts Psalm 23 und zwei Chorsätze von Mendelssohn-Bartholdy.
Wohl aufgrund spezieller Vorlieben und Fertigkeiten des Chores besteht das Programm aber fast ausschließlich aus ruhigen, meist homophonen Kompositionen. Die Akustik der Abteikirche St.-Martin d'Ainay kommt diesen weiten Phrasen entgegen und täuscht zudem über manche Ungenauigkeit in der Absprache und über Defizite bei der Verschmelzung der Stimmen hinweg. Die im Kirchenraum entstehende Klangwolke aus Chor und Orgel ist jedenfalls nicht dazu angetan, dem nicht ganz einstündigen Programm konzentriert zu folgen. Etwas mehr Abwechslung und allgemein mehr Gestaltungswillen bei der Programmzusammenstellung wäre zu wünschen gewesen.

Flamencos a Maria

Cantes Flamencos a María Santísima. Jade 74321-48796-2 (Vertrieb: BMG)

In Venedig, Karthago und Syrien liegen die Wurzeln des Canto Flamenco. Dazu treten noch Elemente des gregorianischen Chorals. Doch nirgendwo anders hat sich eine vergleichbare Musik entwickelt wie in den Dörfern Andalusiens. Der Flamenco spiegelt den Schmerz und die Armut jener Region und Epoche, er ist untrennbar mit Schweiß und Alkohol verbunden, prägte die Arbeit, die Familienabende und Feste. In den "cafes cantandes" erklangen die Gesänge ebenso wie auf den großen andalusischen Karfreitagsprozessionen. Es ist die klagende Stimme, ihre enorme, schier akrobatische Kunstfertigkeit, begleitet von Gitarre, Trommeln und Händeklatschen, einer Flöte oder Geige vielleicht, die den klassischen Flamenco so unverwechselbar machen.
Die vorliegende Aufnahme präsentiert keine herkömmliche Flamenco-Folklore. Diese Musik ist gewöhnungsbedürftig. Hat man aber erst einmal die anfängliche Fremdheit überwunden, bestechen die klaren, unverbildeten Stimmen der Sänger, in denen noch die große Tradition der "cafes cantandes" lebendig ist. Wo allabendlich die Menschen beisammen waren, griff immer wieder jemand zur Gitarre oder sang unbegleitet einen canto flamenco. Es erschließt sich in diesen Gesängen eine Eindringlichkeit und Echtheit, die wenig mit historischer Authentizität zu tun hat. Marienverehrung aus dem Herzen der Leidgeprüften ist hier zu hören. Im Flamenco geben sie ihrer Hoffnung auf die Mutter der Gnade Ausdruck.
Bedauerlich nur, daß das Beiheft die tiefsinnigen Texte ausschließlich in Spanisch enthält.

Mönche aus Silos

Requiem Aeternam, Canto gregoriano. Santo Domingo de Silos, Coro de los Monjes Benedictinos. Jade 40196-2 (Vertrieb: BMG).

Das archaisch wirkende Anschlagen der Glocke der Abteikirche in Silos schafft zu Beginn der Aufnahme eine ernste Stimmung: angemessen für die akustische Zelebration des Requiem. Viel mehr an Ergreifendem hat die CD aus Spanien aber auch nicht zu bieten.
Die Mönche von Santo Domingo sind durch den zufälligen Marketingerfolg einer großen Plattenfirma spät zu Stars selbst der Pop-Charts geworden. An diesen unverdienten Ruhm versucht die Publikation der Requiem-Aufnahme von 1959 anzuknüpfen, was ihr aber wohl nur in Kreisen gelingen sollte, in denen unterschiedslos tibetische Obertöne und Gesänge der Buckelwale konsumiert werden. Die Qualität des gesanglichen Vortrags hingegen, rechtfertigt dies in keiner Weise. "Chorklang" bleibt überhaupt eine Wunschvorstellung in dieser 40 Jahre alten Aufnahme. Die Solistenstimme – obwohl offenkundig geschult – irritiert zudem durch unangemessenes Vibrato.
Positiv hervorzuheben ist einzig die wirkliche Vollständigkeit des Requiem: auch Lesungen und Meßkanon fehlen nicht. Das Beiheft enthält die lateinischen Texte und ihre Melodien als Faksimile des Graduale romanum. Übersetzungen fehlen zwar, doch sind ausführliche Informationen in Spanisch, Französisch und Englisch zu finden.
Die CD kann eigentlich nur denen empfohlen werden, die sich durch allzu professionelle Aufnahmen womöglich von ihren eigenen Bemühungen um den gregorianischen Choral in den Pfarreien abschrecken lassen würden.

Marienstatt

Zisterzienserabtei Marienstatt. Mitschnitte aus der Liturgiefeier. Undine 547009715. Vertrieb: Cybele, Am Maiblümchen 24, 40699 Erkrath.

Die Neuerscheinungen alter geistlicher Musik der letzten Jahre zeigen eine zunehmende Tendenz, Kompositionen in ihrem originären Zusammenhang vorzustellen. Dieser Rahmen einer zumindest imaginären Liturgiefeier ermöglicht dem Hörer eine bessere Einordnung der sonst nur konzertant erklingenden Musik und führt dadurch erst zu größerem Verständnis.
Die Mönche der Zisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald wählen diesen Weg zu einem anderen Zweck. Ihre nunmehr erschienene CD zeichnet nicht nur eine "Als-ob-Liturgie" nach, sondern beinhaltet echte Live-Aufnahmen aus dem klösterlichen Gebet.
Den Anfang macht die (vollständige) Vesper zum Fest des Ordensgründers der Zisterzienser, des hl. Bernhard von Clairvaux. Es folgen Ausschnitte aus Messe und Vesper des Hochfestes der Aufnahme Mariens, dem Kirchenpatrozinium von Marienstatt. Drei Improvisationen für Flöte und Orgel über liturgische Themen runden die Einspielung ab.
Bemerkenswert ist dabei die spezielle Form des zisterziensischen Chorals, die in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts entstand. Im Rahmen dieser Reformbemühungen verzichteten die Mönche – wie allgemein in ihrer Lebensart – auch in der liturgischen Musik auf überwucherndes Gepränge.
Die Professionalität der Mönche ist eine andere als die von Künstlern, die etwa gregorianischen Choral interpretieren. Ihr täglicher Umgang mit den tradierten Formen lateinischer Kirchenmusik, macht sie zu "Könnern" ganz anderer Art. Es ist die Authentizität im ursprünglichsten Sinne, die besticht. Choral ist hier nicht Kunst, sondern Gebet. In diesem Sinn gestimmt sieht man gerne über Intonationsschwächen des Mönchschors und das zuweilen arg aufdringliche Knarren des Chorgestühls hinweg. Besonders angenehm ist die sensible und zugleich variantenreiche Begleitung der Psalmverse durch den Abteiorganisten Fr. Gregor Brand, der sich dabei teilweise an Vorlagen seiner Mitbrüder aus dem vergangenen Jahrhundert orientierte.
Die CD, die zum 900. Jubiläum des Ordens erscheint, will eine mediale Brücke der Gebetsgemeinschaft schlagen. Das großzügige und bebilderte Beiheft trägt dazu bei, indem es alle Texte in Lateinisch und Deutsch und darüber hinaus Beiträge zu Geschichte von Orden und Abtei sowie zur Spiritualität enthält. Wegen der gewollt modernen Gestaltung ist es leider stellenweise schwer lesbar. Wenn nicht nur Besucher der Abtei gerne zu dieser Aufnahme greifen werden, dann wohl deshalb, weil die uralte Form römischer Liturgie fasziniert, einer jenseits aller "Puppenkisten-Gottesdienste" lebendigen Liturgie, der auch heute kulturbildende Kraft zu wünschen wäre.

Osterkantaten

Johann Sebastian Bach. Osteroratorium. Philippe Herreweghe. HMC 901513 harmonia mundi.

Die Kantate 249 "Kommt, eilet und laufet" ist eines der drei Werke, die Bach als "Oratorium" bezeichnet. sie wird eröffnet durch zwei festliche Instrumentalsätze, die wie der anschließende Chorsatz wohl aus einem der zahlreichen Konzerte aus der Hand des Komponisten stammen. Überhaupt liegt der gesamten Kantate eine weltliche Komposition zugrunde. Der geistliche Text - er stammt vermutlich von Bachs Librettisten Picander - nähert sich den Evangelium von der Erstverkündigung der Auferstehung, der Osterperikope, in der sich noch heute lutherische und römische Leseordnung begegnen.
Auch die Kantate 66 "Erfreut euch, ihr Herzen" hat ein weltliches Vorbild - eine Glückwunschkantate für das anhaltinische Fürstenhaus - und wurde noch im gleichen Jahr für das Osterfest adaptiert und in Leipzig am 10.4.1724 erstmals aufgeführt. Der geistliche Text bezieht sich auf die Emmaus-Perikope. Bach greift zur Ausdeutung des Zweifels der Jünger zum Stilmittel des Dialogs zwischen "Hoffnung" und "Furcht" (so die Stimmbezeichnungen der Partitur). Die Choralzeile "Des solln wir alle froh sein, Christus will unser Trost sein", schließt die Festmusik mit dem Bekenntnis der Zuversicht.
Herreweghes Einspielung läßt kaum einen Wunsch offen. Mit Barbara Schlick (Sopran), James Taylor (Tenor) und Peter Kooy (Baß) hat er in Barockmusik erfahrene Solisten gewonnen. Einzig die Besetzung der Alt-Partie mit dem Countertenor Kai Wessel - musikalisch ebenfalls ein Glücksfall - führt zu kleinen inhaltlichen Spannungen: Beklagt sich doch beispielsweise Maria Magdalena mit seiner Stimme über "kalter Männer Sinn" beklagt, der sich ihrem Zeugnis verschließt. Doch ergibt sich klanglich ein ausgewogenes Bild, in das sich das Orchester mit undogmatischer Annäherung an ein historischen Ensembleklang einbringt. Und das Collegium Vocale Gent hat Philippe Herreweghe zu einem der profiliertesten Barockchöre unserer Zeit entwickelt. Die Aufnahme, die auch aus der Sicht der Technik und der Dokumentation perfekt ist, kann uneingeschränkt empfohlen werden.


Ostkirchliche Musik

Griechische Liturgie

Die göttliche Liturgie des St. Johannes Chrysostomos. The Greek Byzantine Choir, Lycourgos Angelopoulos. Opus 111 OPS 30-78.

Das würdigste Musikinstrument für die Feier des Gottesdienstes hat sich Gott selbst geschaffen: die menschliche Stimme. Byzantinische Kirchenmusik ist daher auch stets primär gesungener Text und wesentlich einstimmig. Alle Mehrstimmigkeit geht auf spätere westliche Einflüsse zurück, von der man sich mittlerweile wieder weitgehend befreit hat. Einzig der sogenannte Ison, ein lang gehaltener, gleichförmiger Baßton (Bordun), der von einigen Sängern gehalten wird, bildet das harmonische Fundament für die reichen Melodien mit den vielen Melismen und den für uns so ungewohnten und diffizilen Intervallen.
Lycourgos Angelopoulos hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit seinem 1977 gegründeten griechisch-byzantinischen Chor zu den Ursprüngen griechischer liturgischer Musik zurückzukehren, die im 5. Jahrhundert in den kirchlichen Zentren Konstantinopel, Jerusalem, Antiochien und Alexandrien zu suchen sind. Dabei waren die Hymnographen immer sowohl Dichter als auch Komponisten. Der bekannteste unter ihnen ist wohl Romanos (5./6. Jh.), dem als Autor vieler auch heute noch gebräuchlicher Hymnen der Beiname "der Melode" zukam. Bis ins 12. Jahrhundert hinein schufen die großen Dichter-Komponisten einen Großteil des Reichtums byzantinischer Hymnik. Die Musik war zu dieser Zeit vorwiegend syllabisch. In den folgenden Jahrhunderten bis zum Fall Konstantinopels entstanden dagegen hochmelismatische Gesänge, für die Musiker wie Johannes Koukouzelis verantwortlich zeichnen, die sich der traditionellen Texte bedienten. Obwohl die meisten Melodien auf der CD nicht älter sind als 200 Jahre (nur ein Kommuniongesang aus der Feder von Koukouzelis entstammt einer Sinai-Handschrift von 1309) erwecken sie den typischen archaischen Eindruck griechischer Kirchenmusik, da die Protopsalten (Chorleiter) stets verstanden, sich der traditionellen Mittel zu bedienen. Welche Rolle immer noch auch die mündliche Überlieferung spielt, belegen Gesänge, die anhand von auswendig vorgetragenen Weisen der Athosklöster niedergeschrieben wurden.
Der für griechische Verhältnisse große Männerchor von über 20 Personen gefällt durch einen ausgewogenen, satten Klang und wirkt auch in der Höhe nicht schreiend. Es handelt sich um eine mustergültige Aufnahme einer griechischen Liturgie (Messe), wie sie vollendeter und authentischer wohl nicht – weder auf CD noch in einer griechischen Kirche – zu hören sein wird.

Korsakov sakral

N. Rimski-Korsakov: Gesamtausgabe der geistlichen Kompositionen. Ensemble "Blagovest" Moskau, Galina Kolzowa. Cantica Musikproduktion 03013/2CQ "Musik der Ostkirchen" (Doppel-CD).

Seit dem Fall des "eisernen Vorhangs" läßt sich ein verstärktes Interesse an russischer geistlicher Musik beobachten. Etliche Labels drängen mit Aufnahmen liturgischer Musik auf den Markt. Mit der wohl ambitioniertesten Reihe dieser Art – immerhin sollen in der nächsten Zeit fünfzig Einspielungen vorgelegt werden – will die "Cantica-Musikproduktion" diese weitgehend noch unbekannte Welt erschließen. Die Aufnahme sämtlicher geistlicher Werke von Nikolai Rimski-Korsakov, des neben Rachmaninov wohl bekanntesten russischen Kirchenkomponisten ist eines der ersten in der Reihe "Musik der Ostkirchen" vorliegenden Alben.
Rimski-Korsakov schafft eine traditionsgebundene Musik, der man aber die Formkraft eines großen Komponisten anmerkt. Auffällig sind die kontrapunktisch und unisono geführten Stellen innerhalb der an sich homophonen Musik der russischen Kirche. Rimski-Korsakov schafft Stimmungen und deutet den Text aus (was leider für den des Kirchenslawischen nicht mächtigen Hörer verborgen bleibt, da die Texte im Beiheft fehlen). Hinzu kommt eine große Farbigkeit des Chorsatzes und eine insgesamt ausgesprochen suggestive Wirkung.
Das Ensemble Blagovest beeindruckt durch Professionalität und durch langjährige Praxis erworbene "Authentizität" und dokumentiert den momentanen Stand russischer liturgischer Chorkultur aufs Vorbildlichste. Der satte Chorklang, weiche Dynamikübergänge und gelungene Phrasenverbindungen (das sonst leider oft und auch bei guten Chören zu beobachtende "Wegreißen" der Phrasenendtöne fehlt hier wohltuend) machen die Qualität dieser Interpretation aus. Hierfür steht Galina Kolzowa, die viele Jahre Chorleiterin an der "Erzengel Nikolaus Kathedrale" (so das Beiheft) war.
Sind solche Schwächen zwar nicht kennzeichnend für das Beiheft, vermißt man dennoch neben den Texten auch Angaben zur liturgischen Stellung der Kompositionen. Für eine so breit angelegte Dokumentationsreihe erscheint dies unerläßlich. Auch sind die Schnitte und der (künstliche) Hall nicht vollständig über alle Kritik erhaben.

Arabiens Kirche

Vie de Jésus. Chants de l'Eglise chaldéenne d'Orient en araméen. Warda Yalcin. Alienor 1070
Chants Chretiens Arameens. Esther Lamandier. Alienor 1034 (Harmonia Mundi France; Vertrieb: Helikon)
X Chants from the Christian Arab Tradition. Vox. Erdenklang 71002. (Ulrich Rützel, In der Habbecke 18, 59889 Eslohe)

In diesem Jahr feierte das Kloster Mor Gabriel im Tur Abdin das 1600-jährige Bestehen. Nur noch wenige hundert aramäische Christen leben heute in dieser von der Ökumene fast vergessenen türkisch-syrischen Grenzregion. Doch haben die Gemeinden dort mit dem Aramäischen als Liturgiesprache einen unvergleichlichen Schatz frühchristlicher Tradition bewahrt. In alttestamentlicher Zeit war Aramäisch zeitweilig die verbreitetste Verkehrssprache im Nahen Osten. Die Pharaonen und die Hetiterkönige korrespondierten auf Aramäisch und die Israeliten brachten die Sprache aus dem Babylonischen Exil mit. Noch zur Zeit Jesu wurde in Palästina mehr aramäisch als hebräisch gesprochen.
Die Musik der ostsyrischen Christen greift auf überkommene und auf populäre Traditionen zurück. Kennzeichnend für die liturgischen Gesänge ist der monodische Charakter in ruhiger Bewegung und freiem Rhythmus. Strukturell sind sie damit sowohl mit der jüdischen religiösen Musik wie mit dem gregorianischen Choral verwandt, was eindrucksvoll die Vergleichbarkeit religiösen Empfindens verschiedener Kulturen dokumentiert. Das liturgische Musiksystem teilt sich in zwei verschiedene Bereiche: einem syllabischen für den Vortrag von Lesungen, Gebeten und Responsorien und einem melismatischen für Hymnen und anderen Texte in ähnlicher Funktion. In der syrischen Kirchenmusik gibt es keine Notenschrift; alle Melodien sind ihrem Grundgerüst nach mündlich überliefert und werden vom Sänger in der jeweiligen Situation verziert, was den typisch orientalischen Klangeindruck hervorruft. Die Atmosphäre des Gottesdienstes ist damit abhängig von der Prägung durch den einzelnen Menschen vor Gott; die Musik wird zum Ereignis. Der melancholische Eindruck, den diese Musik beim westlichen Hörer hinterläßt und der auf bestimmte Intervallverbindungen zurückzuführen ist, wird im Osten anders wahrgenommen und sollte daher auch nicht zu Rückschlüssen auf den Charakter der Spiritualität Anlaß geben.
Die hymnischen Texte gehen oftmals zurück auf Ephräm den Syrer, einem der größten christlichen Hymnographen aus dem 4. Jahrhundert. Themen der Aufnahme sind Hymnen und Gebete und Texte der Liturgie. Warda Yalcin – er ist 1985 aus seiner türkischen Heimat nach Frankreich ausgewandert – hat auf seiner CD auch die Melodie zu einer großen Marienklage improvisiert. Bereichernd tritt bei einer Nummer die Stimme von Esther Lamandier hinzu, von der bereits 1989 beim gleichen Label eine CD erschienen war. Frauenchöre sind in der syrischen Kirche sehr beliebt und wurden von namhaften Theologen (z.B. Paul von Samosata) gefördert. Ein offizielles Verbot im späten 4. Jh. deutet darauf hin, daß es sich nicht nur um Einzelfälle der Tradition handelt. Vielerorts werden die Gesänge antiphonal von der ganzen Gemeinde gesungen.
Auch wenn man nur des mystisch-orientalischen Klangeindrucks wegen zu der technisch einwandfreien Aufnahme greift: Sie stellt ein wichtiges Dokument liturgischen Lebens dieser seit 1522 mit Rom unierten Kirche dar. Im vergleichsweise spröden Beiheft werden einzelne Texte in Umschrift und französischer Übersetzung geboten; Informationen finden sich in Französisch und Englisch.
Einen leichteren Zugang zu arabisch-christlicher Musik für Hörer unserer Zeit bietet ein Projekt der Gruppe Vox, die auf ihrer neuen CD syrischen Frauengesang – technisch etwas aufbereitet – mit einer "surrealen Klanglandschaft konfrontiert". Das Beiheft ist ansprechend gestaltet, bietet alle Texte in deutscher und englischer Übersetzung und stellt auch einen Bezug zu ihrem ursprünglichen liturgischen Zusammenhang her. Auch wenn die Mischung archaisch-orientalischer und elektronischer Klänge auf der "Hildegard-von-Bingen-Welle" manchmal etwas gewollt wirken mag, ist doch der Gesamteindruck überaus positiv. Die Aufnahme hätte trotz aller berechtigter Eklektizismus-Vorwürfe das Zeug zu einer "Kult-CD".

Bach neu hören

Best's Bach. Selected Organ Works and Chaconne for Solo Violin arranged by William Thomas Best. Carsten Wiebusch Klais-Orgel Christuskirche Karlsruhe. audite 92.663 (SACD).

In Zeiten zwanghaft historisierender Aufführungspraxis lässt die vorliegende Aufnahme einen Blick in die Interpretationsgeschichte Bachscher Orgelwerke zu. Während die Editionen Straubes und Duprés hierzulande zwar bekannt sind, kaum ein Organist es allerdings wagt, eine ihnen folgende Interpretation vorzulegen - es sei überholt, hört man - ist die Bach-Ausgabe Bests kaum bekannt. (Wie überhaupt die englische Kirchenmusiktradition erst langsam entdeckt wird.)
William Thomas Best (1826-1897) brachte ab 1885 Bachs Orgelwerke in einer für damalige Verhältnisse kritischen Ausgabe heraus, versah sie mit Interpretations- und Registrierungshinweisen, die die Möglichkeiten der orchestralen Orgel ausnutzten.
In der Aufnahme Carsten Wiebuschs entstehen so ganz neue Höreindrücke hinlänglich bekannt geglaubter Kompositionen. Reiche Dynamik und filigrane Durchsichtigkeit gliedern die Werke und lassen Stimmen wie Abschnitte hervortreten und verschwinden. Eine analytische, dabei aber unmittelbar zugängliche und höchst musikalische Art, auf der die Bachschen Orgelwerke nun daherkommen.
Die Klais-Orgel, 1966 erbaut und 2010 grundlegend erweitert sowie die hervorragende Aufnahmetechnik tut ein Übriges für den höchst positiven Gesamteindruck. Best's Bach ist seit langem der beste Bach, der zu hören war.
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