Orgeln
in Paris

Orgelstudienreise nach Paris vom 31. August bis 3. September 2001

mit Regionalkantor Peter Schaefer


Die Gruppe vor St. Denis mit Titulaire Pierre Pincemaille nach seinem Konzert in der Basilika.
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Diese Seite präsentiert einige meiner Fotos der besuchten Instrumente sowie die Reiseberichte, die ich für das Sonntagsblatt und Eva Maria Schlicht für das Main-Echo verfaßt haben. Demnächst werden auch einige Klangbeispiele folgen. Schauen Sie mal wieder vorbei!

Bombarden und Barkermaschinen

Stars der Pariser Orgel- und Organistenszene

von Michael Pfeifer


St. Sulpice.

Einer der Höhepunkte der  Orgelstudienreise nach Paris mit Regionalkantor Peter Schaefer (Klingenberg) war der Sonntagsgottesdienst in St. Sulpice. Titularorganist Daniel Roth begleitete die Meßfeier auf der 100-registrigen Orgel von Aristide Cavaillé-Coll. Nach einem anschließenden kurzen Konzert empfing der Maître die Reisegruppe am Spieltisch und erklärte bereitwillig Geschichte, Anlage und Technik der riesigen Orgel, an der vor Roth schon Komponisten wie Widor und Dupré amtierten.


Maitre Daniel Roth empfängt die Gruppe am Spieltisch von St. Sulpice.

Insgesamt zehn Instumente standen auf dem dichtgedrängten Programm der Studienfahrt. Darunter allein sechs aus der Werkstatt des berühmten Orgelbaumeisters Aristide Cavaillé-Coll, der im letzten Jahrhundert mit seinen in Klang und Technik neuartigen Orgeln die Entwicklung der französischen Orgelsymphonie erst ermöglichte. Unter den besuchten Instrumenten waren die Orgeln in der reformierten Kirche St. Esprit, die mit nur elf Registern eine beachtliche Klangfülle und -schönheit besitzt, die Instrumente in St. Elisabeth und St. Antoine des Quinze Vingts sowie in St. Maurice im Vorort Asniers, wo sich die Orgel ohne spätere Umbauten im Originalzustand erhalten hat.

   
Prospekt von St. Denis.
Maitre Pierre Pincemaille am Spieltisch.

Glanzstück der Cavaillé-Coll-Orgeln war das erste große Werk des Meisters, das er für die Kathedrale St. Denis erbaute. Nach Beendigung der offiziellen Öffnungszeiten der Kirche spielte Titularorganist Pierre Pincemaille für die Gruppe ein Privatkonzert: Eine groß angelegte Improvisation über den gregorianischen Hymnus "Ave Maris Stella" stellte die raumfüllende Kraft des Erstlingswerks seines Erbauers eindrucksvoll unter Beweis. Die Pracht der Klangfarben wetteiferte mit dem farbigen Licht der jahrhundertealten Glasfenster in der gotischen Halle. Ein wahrhaft erhebendes Erlebnis!


St. Eustache.

Neben Pincemaille und Daniel Roth gehört auch Jean Guillou zu den weltbekannten Stars der Pariser Orgelszene. Er war vor dem Abendgottesdienst mit eigenwilligen Interpretationen Bachscher Werke an seiner modernen Konzertorgel in St. Eusache zu hören. Die anschließende Messe gab einen hervorragenden Eindruck, der in Frankreich wo geeignete Kirchenlieder fehlen noch gepflegten Tradition der Orgelmesse: Der Organist begleitet die Prozessionen zu Einzug, Gabenbereitung, Communion und Auszug mit Orgelspiel. Jean Guillou ergänzte noch eine Meditation nach der ersten Lesung und eine Alleluia-Fanfare zur Prozession vor dem Evangelium.


St. Gervais.

In St. Gervais stellte die dortige Titularorganistin Aude Heurtematte die einzige Barockorgel der Reise vor. Über acht Generationen hinweg versahen dort Mitglieder der Familie Couperin der Organistendienst. Mit einer barocken Orgelsuite rückte die Organistin ihr Instrument ins rechte Licht.
Michael Pfeifer


Die Liebe des Organisten zu seiner Orgel

Studienreise mit Regionalkantor Peter Schaefer
zu den besten Instrumenten in Paris

von Eva Maria Schlicht

Zur diesjährigen Orgelstudienreise für seine Schüler und Orgelfreunde hatte sich Regionalkantor Peter Schaefer etwas Besonderes ausgedacht: Eine mehrtägige Fahrt zu einigen der besten Orgeln von Paris. Allerdings wurden diese nicht von ihm selbst vorgeführt, sondern von ihrem jeweiligen Maître (Meister, das heißt Organist). Aus langjähriger Kenntnis seines Instruments mit seinen besonderen Klangeigenheiten wusste dieser seine Orgel am besten zur Geltung zu bringen. Auf diese Weise wurde so manche Kirche in Paris besucht, altersgrau und unscheinbar. Eine gründliche Renovierung hätte da manchmal gut getan sowohl der Kirche, als auch ihrer Orgel.


Notre Dame.

Aber es sind keine Mittel dafür vorhanden. Der Staat gibt keinerlei Zuschüsse als Folge der per Gesetz vom 11. Dezember 1905 erfolgten absoluten Trennung von Kirche und Staat, die Frankreich nach schweren Differenzen mit dem Vatikan beschloss und radikal durchführte einschließlich des Verbots jeglichen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen. Dies führt zu ständig schrumpfenden Kirchengemeinden und leeren Gemeindekassen. Keine trostvolle Situation auch für die Orgeln und ihre »Titulaires« (von der Kirchengemeinde bestallte Organisten). Aber um so intensiver wenden diese ihre Sorgfalt ihrem Instrument zu, das sie lieben wie ihr Kind, hat doch jede Orgel ihre technischen und klanglichen Eigenheiten, die gefördert sein wollen.


St. Elisabeth.

Da ist beispielsweise George Guillard, ein alter Herr mit weißgelocktem Haupt, Titulaire (Maître genannt) der Orgel der kleinen Kirche »Notre-Dame-des-Blancs-Manteaux« in einer Nebenstraße im Marais-Viertel, einer früheren Klosterkirche der weißbemäntelten Serviten. Fast so grau und hinfällig wie die ganze Kirche wirkt auf den ersten Blick die Orgel, obwohl sie erst 1967/68 von dem Straßburger Orgelbauer Alfred Kern erneuert wurde. So klagt der Maître darüber, dass einige der Zungenstimmen lädiert sind unddringend der Reparatur bedürften, aber Er wolle dies nur vorbeugend sagen. Dann aber setzt er sich an seine Orgel und spielt und spielt. Er ist nicht mehr alt, auch die Orgel nicht, obwohl es aus den Zungenstimmen ab und zu quäkt was tut's. Der Maître spielt und seine Orgel singt unter seinen Händen und findet fast kein Ende mehr: Erstaunlich ist nur, welch für uns ungewohnte Klänge und Tempi bei Bach, Händel oder Mendelssohn-Bartholdy erscheinen. Sogar die Werke französischer Komponisten wie Widor oder Franck klingen unter französischen Händen durchaus anders als von Deutschen gespielt! Der Maître aber hat vergessen, dass er eigentlich ein alter müder Mann ist, dass einige Zungenstimmen nicht gut klingen er ist einfach glücklich über unsere Freude an »seiner« Orgel.

Die meisten der auf dieser Orgelstudienfahrt vorgestellten Instrumente stammen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aus der »Elsässischen Schule« mit ihrem weichen, gefühlvollen Klang der Spätromantik, die zart schwebende Akkorde liebte, gesteigert durch dynamische Effekte des Schwellwerks, aber auch dramatische Ausbrüche, entfesselt von dröhnenden Soubasse- und Bombarde-Stimmen, ein Stil, der von einem der genialsten Orgelbauern des 19. Jahrhundert, dem Elsässer Aristide Cavaillé-Coll, unterstützt wurde. Ein Beispiel für diesen vollkommenen Orgelklang bot ein kurzer Besuch unter Führung von Maître Kurt Lueders in der abseits liegenden Kirche Ste. Elisabeth im Vorort Asniers. Diese Orgel sie hat noch den von Cavaillé gegebenen Originalklang ohne nachfolgende Überarbeitungen ist von einer unvergleichlichen Klangreinheit und Fülle ein Juwel unter den Orgeln.


St. Maurice in Paris-Asniers.

Zu sprechen wäre aber auch von der Orgel in der Pfarrkirche St. Gervais, nahe dem Hôtel de Ville gelegen und eine der ältesten Pfarrkirchen von Paris. Die jetzt darin befindliche Orgel stammt aus dem Jahr 1600. Trotz mehrfacher Überarbeitungen im Laufe der Zeit hat sie noch den schlanken Ton der Barockorgel weitgehend behalten. Ihr »Maître«, eine junge Frau Aude Heurtematte, spielte ganz stilgerechte Barockmusik wunderschön. Absolutes Kontrastprogramm dazu war ein Orgelerlebnis in der zweitgrößten Kirche von Paris, in St. Sulpice, Baubeginn noch unter dem Pracht liebenden König Ludwig XIV. einfach grandios. Hier hat dann 1857/63 Cavaillé seine größte Orgel mit 100 Registern und fünf Manualen erstellt, auch sie ein grandioses Werk. Ihr derzeitiges Maître, Titulaire Daniel Roth, ein international bekannter Organist, ist gleichfalls »grandios« und er weiß es.

Ein Erlebnis besonderer Art bot das abendliche Konzert in der Kathedrale Saint-Denis, der traditionsreichen Abteikirche, erbaut unter Abt Suger im frühen 12. Jahrhundert, mit ihren berühmten Fensterreihen über den marmorweißen Grablegen und Epitaphien der Könige Frankreichs. Nachdem für die Touristen die Kirche geschlossen war, setzte sich der Titulaire Pierre Pincemaille an »seine« Orgel (1841 erbaut von Cavaillé mit rund 70 Registern). Und während auf den hellen Steinwänden die Strahlen der sinkenden Sonne mit den bunten Glasbildern der Fenster ihr Spiel trieben, entfachte die Orgel unter den Händen ihres Meisters, eines bekannten Improvisators, der über ein Thema großartig fantasieren kann, voll das temperamentvolle Spiel ihrer nuancenreichen Klangfarben. Es war hochinteressant, den fortschreitenden Wandlungen bekannter Themen in unterschiedlichen Registrierungen zu folgen ein unvergesslicher Abend.
Eva Maria Schlicht


Der Titulaire von St. Denis ist am Sonntag, 27. Januar 2002 in der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Erlenbach/Main zu Gast.



Sämtliche Fotos von Michael Pfeifer
Texte von Michael Pfeifer und Eva Maria Schlicht
© 2001