Michael Pfeifer

Tod und Leben kämpften

"Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi" weiß ein Sprichwort. Aber was kann denn dann unser Leben schon wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist. Alles erlebt man unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Alle Entscheidungen sind unwiderruflich und es ist müßig zu fragen, wie alles ausgegangen wäre, wenn man es damals anders gemacht hätte.

Beim Leben geht es also immer ums Ganze. Und es geht um den Tod. Er ist es, der das Leben einzigartig macht. Er setzt den letzten Strich in der Skizze des Lebens, die immer Skizze bleiben und nie nochmals neu und in leuchtenden Farben gemalt werden wird. Es geht um Leben und Tod.

Die hebräische Bibel berichtet, Gott habe einmal seinem Volk Israel Leben und Tod zur Wahl gestellt. Glück und Unglück, Segen und Fluch legte er ihm vor. Keine schwierige Entscheidung, werden wir denken. Seltsam, wenn da noch jemand überlegen muss. Natürlich wähle ich das Leben! Doch hinter dieser Frage Gottes steckt mehr als eine intellektuelle Entscheidung. Das Leben wählen heißt, nach der menschlichen Weisung Gottes zu leben. Wer dies nicht tut, zieht sich den Tod zu, weil er sich seiner eigenen Bestimmung verschließt. Es reicht eben nicht zu sagen "Ich wähle das Leben", sondern mein Dasein muss fortan auch wirklich Leben ausstrahlen.

Oft genug wählen auch wir statt des Lebens den Tod: wenn wir dem Partner nicht zuzuhören, die Kinder anschreien, den Kollegen verunglimpfen, die Fremden verachten, den Behinderten für minderwertig halten, uns von der Armut nicht berühren lassen, wenn wir unbeherrscht reagieren, Rachegelüste pflegen oder unseren Groll nähren. Ein solches Leben ist fremdbestimmt und manchmal schon viele Jahre vor dem Tod erstorben. Wenn es um Tod und Leben geht, ist immer der ganze Mensch gefragt. Ein Lippenbekenntnis zum Leben reicht nicht aus. Um das Leben zu gewinnen, muss ich mich ganz einbringen, muss mein Leben riskieren für andere und kann es nicht für mich behalten. Will ich "mein" Leben ganz für mich behalten, habe ich mir den Tod selbst zuzuschreiben.

Wir haben die Wahl: Wählen wir den Weg des geringsten Widerstandes und reden den Leuten nach dem Mund, dann geben wir unser eigenes Leben auf und leben im Grunde ein fremdes Leben. Haben wir stattdessen den Mut, auch einmal unbequem zu sein, den anderen nicht ins Konzept zu passen, dann wird unser eigenes Leben Wirklichkeit und nicht das, von dem die anderen meinen, es sei gut für uns.

In seiner Ostersequenz einem nunmehr etwa tausend Jahre alten Lied drückt Wipo von Burgund die Dramatik dieser Entscheidung aus. Er formuliert im Blick auf die Auferstehung Christi: "Tod und Leben kämpften einen unbeschreiblichen Zweikampf: der Herr des Lebens, der gestorben war, herrscht nun lebend." Jesus hat sich bei allen seinen Taten für das Leben entschieden. Er hat sich nicht abhängig gemacht von den Erwartungen der Leute um ihn, er ist angeeckt, hat Konflikte verursacht und ist in sie hineingezogen worden. Jesus ist schließlich gescheitert, weil er sich nicht versteckt und sich nicht angepasst hat. Er hat ganz entschieden sein Leben gewählt. Und es hat ihm den Tod eingebracht.

Sein Tod ist so etwas wie das Echtheitszertifikat für sein Leben. Er hat sein Leben eingesetzt für viele und darum in den Augen der Welt den Tod verdient. Doch durch seinen Tod hat er den Tod besiegt, jenen Tod der aus Abhängigkeit und der Suche nach Anerkennung entsteht. So ist er für uns zum Leben geworden. Er ist auferstanden zum Zeichen dafür, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, auch wenn er die Konsequenz aus dem Leben ist. Die Auferstehung Jesu hat uns befreit zu unserem eigenen, einmaligen Leben.


erschien als Kreuzwort zum Ostersonntag in: Main-Echo vom 22. 4. 2000
Manuskript © Michael Pfeifer