Michael Pfeifer

Keine Frage der Höflichkeit

Eine Beobachtung zur Kommunionspendung

Die Ordnung der Feier der Gemeindemesse sieht vor, daß der Priester sich nach der Kommunioneinladung zum Altar wendet und leise spricht: "Der Leib (das Blut) Christi schenke mir das ewige Leben". Dann empfängt er mit Ehrfurcht den Leib (das Blut) Christi. Danach, so der Ordo weiter, teilt er die Kommunion aus.

Leider beobachtet man fast allerorten eine andere Reihenfolge. Zumindest dort, wo Kommunionspender, Konzelebranten, Diakone, Ministranten oder andere Gläubige im Altarraum sind, wird ihnen oft zuerst die Kommunion gereicht, bevor der Priester selbst kommuniziert. Manchmal wird bereits während des Gesanges zur Brotbrechung der Leib Christi an die Umstehenden ausgeteilt, die dann nicht selten zusammen mit dem Priester die Hostie präsentieren, wenn es heißt "Seht das Lamm Gottes". Auch dann beobachtet man, daß der Priester zuerst den Kelch reicht, bevor er selbst davon trinkt, was ja praktisch sein mag, da man als letzter bis zur Neige austrinken kann. Schließlich habe ich auch schon erlebt, daß der Zelebrant nicht nur den Umstehenden, sondern der ganzen Gemeinde zunächst den Leib Christi ausgeteilt hat, bevor er selbst kommunizierte. Darauf angesprochen erklärte er, er habe so mehr Ruhe zum ehrfürchtigen Empfang. Bedauerlich, wenn er den Eindruck gewinnen muß, eine wartende Menge würde ihm die Zeit der privaten Frömmigkeit nicht zugestehen.

Nun mag es ja höflich sein, wenn der Gastgeber zuerst seine Gäste bedient, bzw. sicherstellt, daß diese gleichzeitig mit ihm den ersten Bissen tun können. Durch die Verschiebung der Eucharistiefeier auf eine solche banale Ebene wird man dem Sakrament aber m. E. nicht gerecht.

Gastgeber des eucharistischen Mahles ist Christus. Er steht uns in der Person des Priesters vor Augen. Da dieser aber auf der anderen Seite natürlich ein Mensch ist, bedarf auch er des "Empfangens". Gnade, die er ausspendet, geht nicht von ihm aus, sondern er ist gewissermaßen Werkzeug in der Hand Gottes. Auch er kann nur ausspenden, was er zuvor empfangen hat. Wird diese Reihenfolge nicht beachtet, verschiebt sich zwangsläufig auch das Priesterbild.

Ganz eindrücklich verdeutlicht das Aufeinander-bezogen-Sein von Empfangen und Spenden der frühere stadtrömische Ritus: Der Papst, der der Messe vorstand, kommunizierte nicht, indem er selbst vom Altar nahm, aß und trank. Vielmehr begab er sich nach dem Friedensgruß zu seinem Sitz und bekam dort von Diakon und Subdiakon die Kommunion gereicht. Unmittelbar daran anschließend reichte der Papst diesen beiden Leviten Hostie und Kelch. Kein Mensch, und sei es der Papst, spendet aus eigener Vollmacht. Er empfängt zunächst den Herrn, und als Christus, an dem er Anteil erhalten hat, teilt er ihn daraufhin aus.

Welche Bedeutungsdimension das Nehmen im Unterschied zum Empfangen hat, zeigt sich bei den Rubriken der Konzelebration. Nach AEM 197 und 201a nehmen die konzelebrierenden Priester die Hostie selbst; ebenso treten sie nach der Kelchkommunion des Vorstehers zum Altar, um ihrerseits aus dem Kelch zu trinken. Wenn die AEM auch alternative Formen vorsieht, die vermeintlich mehr das Spenden, denn das bloße Empfangen betonen, muß man berücksichtigen, daß bei der "Spendung" der Kommunion an die Konzelebranten, etwa durch den Diakon, keine Spendeformel vorgesehen ist. Es handelt sich nur um eine praktikable Variante des "Nehmens", bei der nicht alle zum Altar müssen, sondern an ihrem Platz bleiben können. Allerdings ist diese Form dazu angetan, das eigentlich Gemeinte zu verunklaren. Deutlicher wird dies noch im byzantinischen Ritus, in dem bei der bischöflichen Liturgie die Priester und Diakone immer aus der Hand des Bischofs die Kommunion empfangen, während bei der rein "priesterlichen Konzelebration" die Priester nach der Kommunion des Vorstehers selbst zum Altar treten und von ihm Leib und Blut des Herrn nehmen. Einzig der Diakon empfängt aus der Hand des Vorstehers die Kommunion.

Wie so oft sind es Kleinigkeiten, die Grundsätzliches anzeigen. Aus der heutigen Gesellschaftssituation heraus werden die Gläubigen den üblich gewordenen Brauch, zuerst die "Konzelebranten", seien sie Priester oder Laien, kommunizieren zu lassen, bevor der Priester sich selbst bedient, für höflich und aufmerksam halten. Der Hinweis darauf, daß nur ein Empfänger auch Spender sein kann, würde sicher neues Verständnis für die richtige Reihenfolge wecken.


erschien in: Gottesdienst 32 (1998) 172
Manuskript © Michael Pfeifer
Reaktionen dazu in: Gottesdienst 32 (1998) 189f