Michael Pfeifer

Von der Sehnsucht des Raumes

Vor 75 Jahren geweiht: Die Pfarrkirche St. Peter und Paul in Dettingen

Ein Meilenstein für den deutschen katholischen Kirchenbau

An die vielen modernen Kirchen, die vor allem seit dem zweiten Weltkrieg in unserer Diözese und überall in Deutschland entstanden, haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Doch auch wenn die heutigen Sakralräume vielfach besser geeignet sind die erneuerte Liturgie zu feiern, sehnen wir uns manchmal nach der Raumstimmung einer alten oder im alten Stil errichteten Kirche zurück. Was den Kirchenbau angeht sind wir weit mehr Kinder des 19. Jahrhunderts als unserer Zeit, konnte man sich damals doch eine Kirche in einem anderen als den traditionellen gotischen oder romanischen Stilen kaum vorstellen.

Wie ein Schock müssen daher die ersten Kirchenbauten gewirkt haben, die den Boden dieser selbst durch kirchliche Gesetzgebung untermauerten Tradition verließen. Eine der ersten dieser Kirchen ist St. Peter und Paul in Dettingen am Main, heute im Dekanat Alzenau gelegen. Sie wurde Dominikus Böhm und seinem Mitarbeiter Martin Weber in den Jahren der Hochinflation und Weltwirtschaftskrise 1922/23 errichtet.

Interessanterweise erklären die Architekten aber das moderne Erscheinungsbild der Kirche nicht mit der Notwendigkeit, so kostengünstig wie möglich bauen zu wollen, sondern betonen wortreich, wie traditionsverbunden ihr Bauwerk eigentlich ist.

Burg

Der erste Eindruck, den man bekommt, wenn man die Fassade betrachtet, ist das massige, wehrhafte Aussehen. Der Zinnenkranz des Turmes und die schlanke, fialenartige Turmspitze erinnert an die Architektur gotischer Wehrkirchen, wie sie oft in der Wetterau, aber auch in Dettingens Nachbarort Hörstein begegnet. Der breit gelagerte Kirchturm wirkt wie das Westwerk der alten Kirchen, das allem Widrigen den Zugang zum heiligen Bezirk versperren sollte. Betrachtet man das Langhaus, fallen die drei Schiffe auf, die an die Anlage einer klassischen Basilika erinnern. Auch ein Querhaus scheint nicht zu fehlen. Die drei schlanken Fialen auf dem geraden Chorabschluß schließlich erinnern an die kleinen Türmchen gotischer Kirchen. Das Mauerwerk besteht aus rotem Mainsandstein, der immer wieder von horizontalen Ziegelbändern unterbrochen wird. Dies ist ein Stilmittel, das bei byzantinischen und umbrischen Bauwerken zu beobachten ist.

Und doch: Obwohl sich vielerlei Entsprechungen zu historischen Kirchenbauten finden lassen, wirkt das Bauwerk ganz anders als man es bis dahin von einer Kirche erwartet hat. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn man den Innenraum betritt.

Zelt

Böhms Anliegen war es, einen leichten, schwebenden Raum zu schaffen. Er griff daher auf das Material Eisenbeton zurück, um dünne schlanke Stützen den offenen Dachstuhl tragen zu lassen. Der Raum wird dadurch verstärkt zu einer Einheit zusammengeschlossen und bekommt zeltartigen Charakter. Hier trifft sich Böhm mit den Zielen der Liturgischen Bewegung und der christozentrischen Idee jener Zeit: Der Raum sollte vom Altar her, seinem Mittelpunkt also, konzipiert sein. Es ist dabei nicht nötig, den Altar auch in der Mitte des Raumes aufzustellen, doch sollte sich der Blick des Eintretenden wie von selbst diesem Zentrum zuwenden. Eine Forderung übrigens, die sich die Deutschen Bischöfe 1988 in ihren "Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen" zu eigen machten.

Diesem christozentrischen Programm dient auch Böhms Lichtarchitektur. Es ist bekannt daß der Architekt begeistert war von den Möglichkeiten des Kinos und nicht selten wurden Vergleiche zwischen seinen Kirchenbauten und Lichtspieltheatern angestellt. Auch in Dettingen ist die "Bühne", der Altarraum also, hell durch fast vom Boden bis zur Decke reichende Fenster indirekt beleuchtet, während das Kirchenschiff in mystischem Halbdunkel liegt. Böhm baut ausdrucksvolle, stimmungsvolle, ja gestimmte Räume, die vorbereitet sind für das "heilige Spiel" der Liturgie und die die Versammelten in die Feier einstimmen wollen. Böhm und Weber erklären: "Die Lichtquellen sind so angeordnet, daß sie den Gläubigen nicht ablenken. Sie liegen direkt unter der Decke des Mittelschiffes und gießen ihr mildes Licht über den ganzen Raum. Auf die Anordnung von Fenstern in den Seitenschiffen wurde mit Absicht verzichtet, um die Gemeinde durch die vollkommene Geschlossenheit des Raumes zur Abkehr von der Außenwelt und zur Sammlung und Andacht zu führen."

Dettinger Passion

Eine ähnliche Funktion schreiben die Architekten der Ausmalung durch den Hanauer Expressionisten Reinhold Ewald zu. "Der Kreuzweg im Innern führt den Eintretenden aus dem Werktage zum eigentlichen Ziel unseres Lebens, zu Gott unserem Herrn, der in seinem Opfertod am Kreuze uns das leuchtende Vorbild gibt der Ergebung in den Willen seines himmlischen Vaters. Das Kreuzesopfer auf Golgatha ist durch seine Anordnung unmittelbar über dem Altare auch gedanklich in Beziehung gebracht mit dem alltäglich sich erneuernden hl. Meßopfer."

Die monumentalen expressionistischen Fresken allerdings waren es, an denen sich die Kritik an dieser "hypermodernen" Kirche so Weihbischof Senger aus Bamberg entzündete. Die Vorwürfe gingen von "öffentlichem Ärgernis" bis hin zur "Gotteslästerung". Dennoch sind es gerade die Fresken zu Kreuzweg, Golgata und Marienleben, die die Dettinger Kirche zu einem Zeugnis des Expressionismus machen, das Seinesgleichen sucht. In der aufgeregten Zeit der Wirtschaftskrise sahen einige in der Dettinger Kirche "ein Vorbild für ringende, strebende Künstler, ein Zufluchtsort für ringende, kämpfende Seelen." Sie wünschten sich, daß "die neue Kirche mithelfen möge am Wiederaufbau wahrer, echt christlicher Seelenkultur: aus der Finsternis empor zum Licht."

Gemeinsam Bauen

Die St.-Peter-und-Paul-Kirche war ein echtes Gemeinschaftswerk aller. Tag für Tag haben die Bauern mit ihren Gespannen das benötigte Baumaterial herbeigebracht. Wochenlang schaufelten 46 Männer Kies aus einer Grube am Ortsrand. Während all diese Arbeiten unentgeltlich geleistet wurden, mußte doch auch das Geld für die Baustoffe und für die am Bau selbst beschäftigen Arbeiter aufgebracht werden. Betrug der Stundenlohn für einen Maurer 1914 noch 50 Pfennig, bezahlte man 1922 bereits 30 Mark und 1923 ganze 5000 Mark. Pfarrer Hugo Dümler formulierte daher auch in der Grundsteinurkunde: "In außerordentlich schwerer Zeit unternehmen wir dieses Wagnis. Die Folgen des verlorenen Weltkrieges 1914 bis 1918 machen sich immer empfindlicher bemerkbar. Die Teuerung auf allen Gebieten ist geradezu unerhört. Wir sind so arm, daß alle Münzen aus Edelmetall eingezogen wurden; gegenwärtig gibt es nur noch Papiergeld und Münzen aus Blech, Eisen, Aluminium und Ton. Wenn wir es trotzdem wagen, ein neues Gotteshaus zu bauen, so ist es die dringendste Not, die uns dazu veranlaßt. Für alle Zeiten soll hier ein Denkmal gesetzt werden dem Opfergeist der Dettinger Bevölkerung, die seit Januar 1922 eine Summe von 100000 Mk aufgebracht hat und die die ungezählten Fuhren zum Neubau umsonst leistet."

Am 1. Juli 1923 konnte die Kirche nach nur einjähriger Bauzeit geweiht werden. Das Verdienst, zusammen mit Dominikus Böhm, Martin Weber und Reinhold Ewald einen Markstein in der deutschen Kirchenbaugeschichte gesetzt zu haben, kommt sicher zunächst dem damals gerade 33jährigen Pfarrer Hugo Dümler zu, der auf seinen eigenen Kunstverstand vertrauend und an den bischöflichen Behörden vorbei die Künster zusammenbrachte, die einen außergewöhnlichen Bau entstehen ließen. Ein ähnliches Vorgehen wäre heute im Zeitalter der kirchlichen Gremien, Räte und Aufsichtsbehörden nicht mehr denkbar, weshalb allzuoft Kompromiß statt Kunst entsteht. Die Identifizierung mit dem neuen konnte in Dettingen durch die Mitarbeit und nicht die Mitwirkung an der Entscheidung erreicht werden.

Jubiläum

Aus Anlaß des Weihejubiläums der Dettinger Kirche erscheint ein großer Bildband, der sich mit Dettingen und den Anfängen des modernen Kirchenbaus in Deutschland auseinandersetzt. Präsentiert wird das Buch im Rahmen eines Festakts am 26. Juni um 20 Uhr in der Dettinger Pfarrkirche. Fachleute aus dem In- und Ausland würdigen dabei Bau und Ausgestaltung des einzigartigen Bauwerks. Zahreiche weitere Veranstaltungen, Gottesdienste, Konzerte, Kirchenführungen und ein Quiz rund um die Kirche bilden das Programm der Festwoche.


Programm der Festwoche

Donnerstag, 25. 6. um 19.45 Uhr
Mein Standort in der Kirche Kirche sein
Ein meditativer Gang durch die Kirche

Freitag, 26. 6. um 20 Uhr
Sehnsucht des Raumes
Im Rahmen eines abwechslungsreichen Programms wird das neue Buch zum Weihejubiläum vorgestellt. Elisabeth Hock singt Marienlieder von Dominikus Böhm, dem Architekten der Kirche.

Samstag, 27. 6. um 18 Uhr
Vespergottesdienst im byzantinischen Ritus
Klerus und Chor der Catholica Unio Würzburg singen Choräle russisch-orthodoxer Tradition

Sonntag, 28. 6. um 9 Uhr
Festgottesdienst zum Patrozinium
Prediger ist Ordinariatsrat Dr. Heinz Geist
Die musikalische Gestaltung liegt beim Großwelzheimer Kirchenchor
anschließend
Grundsteinlegung am neuen Pfarrheim
Die musikalische Gestaltung übernimmt der Musikverein Harmonie
und der Gesangverein Liederblüte
anschließend
Empfang auf dem Kirchenvorplatz
um 19 Uhr
Jugendgottesdienst

Montag, 29. 6. um 19 Uhr
Festgottesdienst am Patronatstag

Dienstag, 30. 6. um 19 Uhr
Vespergottesdienst am Vorabend des Jubiläums

Mittwoch, 1. 7. um 19 Uhr
Festgottesdienst am Weihetag
Die musikalische Gestaltung übernimmt der Gesangverein Einigkeit

Donnerstag, 2. 7. um 20 Uhr
Orgelkonzert
Ludwig Eichelbeck spielt
Werke von Bruhns, Händel, Bach, Clerambault, Mozart und Reger


erschien vom Autor gekürzt in: Würzburger katholisches Sonntagsblatt 145 (1998) Nr.26, S.30
Manuskript © Michael Pfeifer